PRESSE
ROSSE | PAGLIACCI
Mainfrankentheater 2026
Dem Mainfranken Theater gelingt mit „Rosse“ und „Pagliacci“ ein echter Coup. (…)
Regisseur Roman Hovenbitzer ist es gelungen, einen emotionalen roten Faden durch beide Werke zu spinnen, obwohl sich die Musikstile der Stücke diametral unterscheiden. Um zu begreifen, wie ihm das gelingt, müsste man den Abend vermutlich mehrmals erleben, was an dieser Stelle ausdrücklich empfohlen sei. (…) Roman Hovenbitzer und Pascal Seibicke (Bühnen- und Kostümbild) tauchen „Rosse“ in hoffnungslose Düsternis und übergießen „Pagliacci“ zum Ausgleich mit einem Feuerwerk an Farben. Der finstere Kubus, der die Pforte zum Pferdestall bildet, klappt auf und wird zur Bühne der fahrenden Theatertruppe. (…) Jede Begegnung, jede Finte, jeder Konflikt berührt - Ein Meisterstück an Präsenz und Personenregie. (…) Sophie Gordeladze macht als Nedda mit kristallklarem, hochsensiblem Sopran jede Phrase in dieser körperbetonten und fast atemlosen Inszenierung zum Ereignis. (…)
Hovenbitzer lässt das gesamte Ensemble pausenlos zwischen Bühne und Zuschauerraum pendeln, der Zuschauer weiß oft gar nicht, wohin mit seiner Verblüffung über so
viel perfekte Koordination und minutiöse Regie. Wie gesagt: Ein Abend, den man sich ruhig öfter ansehen sollte.
(Mainpost)
Winfried Zilligs "Rosse" sind in jedem Fall eine Entdeckung wert und absolut gegenwärtig.
Roman Hovenbitzer inszeniert auf kluge Art und Weise, sehr lebendig und mit sehr direktem Theaterzugriff.
Bemerkenswert!
(Deutschlandfunk | Fazit)
Die Messer blitzen!
Ein bemerenswerter Doppelabend am Mainfranken Theater Würzburg: Leoncavallos Pagliacci trifft auf eine kaum bekannte Oper von Winfried Zillig, Rosse.
(…)
In die Klangwelt der von Schönberg begründeten Zweiten Wiener Schule taucht man auch in Zilligs kurzem, 1932 uraufgeführtem Einakter Rosse ein: eine Art Mini-Wozzeck, Konzentrat von Alban Bergs
atonalem Meisterwerk, an dessen Einstudierung der damals in Theaterdiensten stehende Zillig mehrfach beteiligt war. Kein Wunder, dass deutliche Spuren auch in der Vertonung von Richard Billingers
naturalistischem Bauerndrama auftauchen. In ihr geht es im wahrsten Sinne des Wortes ums Ross, um den Ackergaul als solchen, der um 1930 nach und nach von benzinbetriebenen landwirtschaftlichen
Geräten ersetzt wird. Der Rossknecht Franz fühlt sich durch die neuen Entwicklungen bedroht, und so ersticht er beim nächsten Wirtshausbesuch den mit seinem Katalog umherziehenden
Landmaschinenverkäufer. Ehe ihm die Folgen seiner Tat den Boden unter den Füßen wegziehen, erledigt er diese Aufgabe selbst: Er erhängt sich im Stall, wo seine geliebten Rösser auf ihre
Ausmusterung warten.
Roman Hovenbitzer setzt dieses in authentischem (oberösterreichischen) Dialekt gehaltene opus depressivum stimmungsvoll als Braun-in-Braun-Studie szenisch um. Die trostlose Umgebung harmoniert
dabei hervorragend mit der beklemmenden Musik, die einerseits große Eigenständigkeit verrät, der andererseits aber immer wieder (um ein passendes Bild zu bemühen) die Gäule durchzugehen scheinen.
Viel hat der junge Tonschöpfer zu sagen, das merkt man. (…)
Mit dem Auftritt des windig mit Traktoren handelnden Störenfrieds setzt zugleich aber die große Klammer des Abends – ein Doppelabend nämlich, der das grau-braune Bauerntheater aus der
österreichischen Provinz klug mit dem nicht minder tödlichen, aber glitzernd bunten aus Süditalien verbindet.
Als Bezugspunkt zu den unbekannten Rossen stehen die umso prominenteren Pagliacci von Ruggero Leoncavallo auf dem Programm, deren Prolog schon zu Beginn, vor den expressiv aufgepeitschten
Anfangstakten der Zillig-Oper, zum Teil des Regiekonzepts wird. Brad Cooper, der in der zweiten Hälfte als Canio auf die Bühne zurückkehrt, kündigt darin den Auftritt seiner
Commedia-dell‘-Arte-Truppe an. Die Clownsmaske wird er auch im dazwischenliegenden Auftritt als Landmaschinenverkäufer nicht ablegen, während er seine Proklamation, als Jesus auf die Bühne
zurückzukehren, nach der Pause in die Tat umsetzt: Auferstehung heißt das Zauberwort.
Den aus dem Neuen Testament bekannten coup de théâtre macht sich auch Federico Longhi zunutze, der mit Strick um den Hals zum nun partiturgerecht erklingenden Pagliacci-Prolog aus dem Auditorium
heraustritt. Mit ihm, der sogleich in die Rolle des intriganten Tonio schlüpfen wird, steht an diesem Abend endgültig die Frage im Raum, wer hier eigentlich wem etwas vorspielt und wer die
Zuschauer sind bei dieser Show, die man wahlweise als „Theater“ oder als „Leben“ bezeichnen könnte. Das Verwirrspiel, das Leoncavallo in dieser Hinsicht selbst betreibt, wird von Roman
Hovenbitzer auf intelligente und lebendigeWeise fortgesponnen. (...) Bühnen- und kostümtechnisch holt Ausstatter Pascal Seibicke jede Menge für die eingeschränkten Möglichkeiten der schmalen
Interimsbühne heraus. Chor und Kinderchor, die ebenfalls den Zug vom Zuschauerraum auf die Rampe mitmachen, fügen sich optisch wie musikalisch hervorragend in das mit einem Mal knallbunte Bild.
(…)
Glaubwürdig in seiner Fiesheit ist der eben noch als so tragisch ausgelieferter Antiheld Franz von der Decke baumelnde Francesco Longhi als Tonio: ein sadistischer, von reinster Niedertracht
getriebener Regisseur (des Lebens oder des Theaters), der jede noch so kleine Nuance der Boshaftigkeit und der innerlichen Verletztheit mit seiner Stimme erkundet. Derart Jago-artig erlebt man
die Rolle nicht oft. (...)
Ein echter Geheimtipp aus der „Provinz“, die in Deutschland noch immer von sich reden machen kann.
(Oper! - Das Opernmagazin)
