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NABUCCO mit wuchtiger Dramatik, erzählerischer Dichte und intimen Momenten 

Wie durch den Nebel der Erinnerung dringt durch den halbdurchsichtigen Gazevorhang eine Vorgeschichte aus zurückliegender Zeit: Nach einer Beerdigung kommt es zum Streit zwischen zwei Großfamilien, den Vorfahren von Nabucco und Zaccaria. Das Vorspiel begleitet dramatisch, doch stumm die Ouvertüre. Allein zum Motiv des Gefangenenchores summen die Akteure versonnen mit. Diese Szene legt den Keim zu Roman Hovenbitzers Ansatz, in Verdis Oper „Nabucco“ auch die Wucht eines Familiendramas um Nabucco und seine Töchter aufzugreifen. Hovenbitzers Inszenierung für das Theater Krefeld-Mönchengladbach ist von packender Intensität. Modische und technische Details, wie eine Videoeinspielung eines Familienfilms und digitale Börsenzahlen, dehnen den Zeitrahmen weit hinaus über den biblischen Freiheitskampf des jüdischen Volkes aus babylonischer Gefangenschaft. Als die Chorsänger vor dem Gewitter von Maschinengewehren Kleidung und Schuhe am Bühnenrand ablegen, flammt die Assoziation an den Holocaust im Zweiten Weltkrieg auf. Der Regisseur hat die Herausforderung, mit vielen Akteuren zu erzählen, erfolgreich angenommen. Das Ensemble gestaltet Szenen von wuchtiger Dramatik, erzählerischer Dichte und intime Momente. Solisten, Chor, Extrachor und Statisterie des Theaters sind auch darstellerisch stark gefordert - so etwa in der Gefängnisszene auf engstem Raum in nach oben gestaffelten Gitterelementen auf der Rückseite der drehbaren Bühne. Sachte stimmt der Chor das Lied der Freiheit an, legt den ergreifenden Ausdruck der Hoffnung hinein. In anderen Szenen tritt der Chor hochemotional, aufwühlend und energiegeladen auf. (…) Roy Spahn hat für das Geschehen einen tempelartigen Rundbau geschaffen, der den Wandel von der geistigen Welt der Bücher zur Dominanz der Macht symbolisiert. Bücher stürzen aus Regalen, ein Riss geht durch den Bau wie durch Völker und Familienbande. Die Oper endet mit der Vision des Verzeihens. Die Premierenbesucher danken mit langem, begeistertem Beifall. 

(Rheinische Post) 

 

Göttlicher Wahn 

Roman Hovenbitzer nimmt die Geschichte mit der Religion und die noch kompliziertere Geschichte mit den verschiedenen Völkerstämmen weg und reduziert die Handlung auf einen Familienzwist. Das ist großartig, weil das jeder kennt und versteht. Während der Ouvertüre lässt er einen Familienahnen beerdigen. Beim anschließenden Reue-Essen gerät die Familie in Streit, aus dem sich ein Konflikt über Generationen entwickeln wird. Hovenbitzer fokussiert dabei auf die zeitlose Auseinandersetzung zwischen Nabucco und seinen beiden Töchtern. (…) Alles läuft auf die eindrucksvolle Darstellung des Gefangenenchors hinaus. Und dieser Chor wird geradezu genial ausgeleuchtet. Wächsern die Gesichter, fahl, alles Leiden findet hier im Licht statt. Und wirklich hat sich Hovenbitzer ganz auf diesen Moment kapriziert. Auf der Außenwand ist eine Gefangenenunterkunft in Form von Mehr-Etagenbetten hergestellt. Auf den Betten die mageren Gestalten, die kaum mehr Verzweiflung ausdrücken könnten. Nabucco taucht im beginnenden Irrsinn dort auf, wird von einer Gefangenen und ihrer Tochter versorgt. Die Dramaturgie feiert sich selbst. Zwischendurch wird noch ein Toter aus den Bettgestellen gezogen und in ein weißes Tuch geschlagen. Abgesehen von diesen herausragenden Momenten fährt der Regisseur einigen Theaterzauber auf, der die Stimmung unterstreicht. (…) Hovenbitzer hat mit seinem Team alles richtig gemacht und alles in allem eine Vorstellung geschaffen, die in Mönchengladbach und Krefeld noch viel Aufmerksamkeit erlangen wird. 

(O-Ton/Das Kulturmagazin) 

 

Leider sehen wir es im richtigen Leben: Eine Figur wie Nabucco, so ein gewaltsamer Machtmensch, ein Despot im Zentrum hat eine gewisse Konjunktur. Und in der Oper ist es ganz toll, dramatisch und spannend, so einer Figur beim Agieren, man kann vielleicht auch sagen beim Berserkern zuzuschauen. (…) Roman Hovenbitzer, der Regisseur, macht daraus eine sehr konkrete, sehr realistische Geschichte mit Assoziationen an eine sehr fremde, archaische Welt. Er erzählt uns, dass alle eine einzige Familie, ein einziger großer Clan sind. (…) Diese Opfer, diese Geiseln, man denkt natürlich heute auch sofort, wenn man von Menschen in der Fremde redet, an Flüchtlinge. Das sind eben die berühmten Gefangenen, die in der berühmtesten Szene des Abends überhaupt auftreten - und die ist Roman Hovenbitzer unglaublich eindrucksvoll gelungen: Da sieht man eine ganze Reihe von Stockbetten, übereinander stehend, und darin die Menschen - eine direkte, heutige Assoziation. Ein Chor von Menschen, die in einer sehr bedrängten Lage sind und die dagegen ein inneres Bild zu setzen versuchen. Das ist sicherlich die stärkste Szene, die dem Regisseur und dem tollen Mönchengladbacher Nabucco Johannes Schwärsky gelungen ist. Denn der spielt mit: Er kommt in seinem Wahnsinn, seiner Verblendung hinzu und irrt zwischen diesen Menschen umher und tatsächlich versuchen, ihm etwas Gutes zu tun. Es ist eine Art Mitleid, ein Art Versöhnung, eine Utopie, die da leicht unter dieser Szene liegt - eine sehr starke Situation. (…) So ist dieser Mönchengladbacher Nabucco nach der Pause eine atemlos spannende Geschichte geworden. 

(WDR 3/Mosaik) 

 

Hovenbitzer hält sich im Folgenden konsequent an seine Setzung. Roy Spahn hat ihm einen hohen Innenraum gebaut, irgendetwas zwischen Kulturzentrum und Sakralraum. Hier bewahrt eine Gruppe von Menschen ihre Identität, übt ihre Rituale, teilt ihre Geheimnisse. Aber Hauptspender jener Identität ist der Hass auf einen gemeinsamen Feind. Und dieser, Nabucco selbst, fegt wie ein Sturmwind durch dieses merkwürdig zwanghafte Idyll. Die Hebräer, die in der Kostümierung von Magali Gerberon Christliches und Jüdisches vereinen, wandern in die Gefangenschaft. Im Folgenden erzählt Hovenbitzer die Fabel souverän und erforscht die Figuren produktiv. Es gelingt ein Verdi-Abend mit viel Energie. 

Dazu setzt der Regisseur zwei Ausrufezeichen. Er verwendet Zitate aus Shakespeares „Lear“, der sicher nicht ohne Einfluss auf Verdis Gestaltung der Titelfigur war. Großformatig rezitiert von Johannes Schwärsky fungieren die kurzen Sprechpassagen als Prologe für die drei ersten Teile. Gegen Ende hin erhöht sich ihre Frequenz, markieren die Zitate die Brüche in der Handlung. Das Verfahren gipfelt in der Präsentation von zwei alternativen Enden, die sich ereignen, ohne dass eine einzige Note wiederholt werden muss: Zuerst werden die Hebräer von Gewehrsalven niedergemäht, nur Nabucco hält seine tote Tochter Fenena im Arm. Dann stehen alle mit blutigen Hemden wieder auf und feiern, inclusive der laut Drehbuch sich eigentlich vergiftet habenden Abigaille, ein fröhliches Hochzeits-Versöhnungsfest, das bildlich an die Ouvertüren-Pantomime anschließt.

Man muss diesen Weg des Regisseurs nicht unbedingt mitgehen, aber er resultiert aus einer stimmigen Analyse des Werks. Das Premierenpublikum freute sich daran.

(Die deutsche Bühne/Andreas Falentin)

 

„All wars start at home“

Das Theater Theater Krefeld/Mönchengladbach zeigt Verdis „Nabucco“ in einer gelungenen modernen, zeitgemäßen Interpretation

„All wars start at home“: Roman Hovenbitzers Inszenierung transportiert die im heutigen, realen Alltag, auf der Strasse, zu Hause oft spürbare Aggressivität, Feindschaft. „Nabucco“ im Theater Mönchengladbach zeigt eine sich, wie die Hebräer und Babylonier, bekämpfende, hassende moderne auseinander gebrochene Großfamilie.  Hovenbitzer transportiert die archaische Beziehung von Nabucco, Fenena und Abigaille in die heutige Zeit, der Verbindung eines Vaters zu seinen zwei Töchtern. Das Großformat der Oper von Babyloniern und Hebräern spiegelt Hovenbitzer in ein Alltagsformat zweier heutiger aufs Blut zerstrittener, rücksichtsloser Familien der Jetztzeit, worin der totale Machmensch, Nabucco, das Familienoberhaupt, in seinem überzogenem Machtanspruch verfällt und letztlich reift.

Zur Ouvertüre zeigt eine Rückblende die frühe Zeit der Großfamilie, welche, Nabucco und Zaccaria sind noch Kinder, die Saat für Streit, Geld- und Machtgier legt. (…) Doch die Inszenierung zeichnet nicht allein Hochmut und Fall Nabuccos in farbenreicher Regie. Zur glitzernden „Krönungsfeier“ der Abigaille als neuer Familienlenkerin blinken Börsenkurse und vermitteln den  Untergang aller moralischen Werte. Ebenso expressiv choreographiert Hovenbitzer den berühmten Gefangenchor der Oper: Bis 6 Meter in den Bühnenhimmel ragen Stockbetten; auf ihnen liegen, sitzen, stehen die Verlierer einer Gesellschaft, Arme, Kranke, Hilflose, sichtbar Leidende. Ergriffenheit und Spannung beim Publikum waren spürbar. 

Hovenbitzers moderne Interpretation von Verdis „Nabucco“ – „All wars start at home“ – in ihren vielen choreographischen Facetten die Jetztzeit realistisch abbildend, besitzt großen Charme, ergriff das Publikum. Am Ende einhellige, begeisterte Zustimmung.

(IOCO/Kultur im Netz)

 

Das stärkste Bild dieses Abends, das ist der berühmte Gefangenenchor, das ist ein Bild, das auch sehr stark und aktuell die Frage des Exils thematisiert, das sind auch Flüchtlinge. Der Regisseur Roman Hovenbitzer erzählt die Geschichte vor einer ganzen Reihe steil aufeinander gestapelter Stockbetten und mehr braucht er eigentlich auch gar nicht. Da sitzen diese Leute drin mit Kindern, ganze Familien, alle eng gequetscht in diesen Betten. Und da gehen einem schon solche Gefühle und Gedanken durch den Kopf, dass das eben verfolgte Menschen sind und so, wie wir sie kennen, am ehesten Flüchtlinge. Dann geht einem dieser Chor sehr zu Herzen. (…) Im Grunde also wirklich ein aktuelles Stück, ein spannendes Drama um Macht und Wahnsinn.

(WDR 5/Scala)   

 

Nabucco zeigt den Weg vom König zum Wahnsinn

Ein packendes Drama: Die Opernpremiere am Theater Krefeld überzeugt auch mit den herausgearbeiteten Parallelen zu Shakespeares „King Lear“.

 

Die düstere Geschichte von einem größenwahnsinnigen König und seinen zwei verfeindeten Töchtern könnte aus einem Drama von Shakespeare stammen. Dass Guiseppe Verdi in seiner frühen Oper „Nabucco“ bereits an den von ihm verehrten englischen Dramatiker gedacht hat, ist nur zu vermuten. Aber bereits ein Jahr nach der Uraufführung 1842 taucht in Verdis Briefen ein Lear-Projekt auf. Verwirklicht hat er es nie, hat stattdessen später mit „Macbeth“, „Othello“ und „Falstaff“ drei andere Shakespeare-Stoffe kongenial vertont. In der Opernpremiere von „Nabucco“, die Regisseur Roman Hovenbitzer jetzt für das Stadttheater realisiert hat, bilden die durchaus vorhandenen Parallelen zwischen dem Stoff aus dem alten Babylon und dem englischen Königsdrama einen regelrechten Leitfaden durch den Abend. So ist am Beginn von jedem der vier Akte aus dem Off die Stimme von Nabucco-Darsteller Johannes Schwärsky zu hören, der Verse aus „King Lear“ zitiert. Hovenbitzer legt den Fokus auf den Familienzwist und erzählt bereits während der Ouvertüre mit einer stummen Szene eine Vorgeschichte des Konflikts. Beim Begräbnis eines alten Würdenträgers entbrennt ein Streit um die Nachfolge, die Krone zerbricht und jede Hälfte wird von den jetzt verfeindeten Familien getrennt aufbewahrt. (…)

Die persönlichen Konflikte münden oft in großen politischen. Diese Botschaft vermittelt die Regie auf anschauliche Weise. Nabucco siegt über seine Gegner, ein ganzes Volk gerät in Gefangenschaft. Er selbst wird Opfer seines Größenwahns, Abigaille nutzt dies eiskalt aus und reißt selbst die Macht an sich und will ihre Schwester in den Tod schicken. Im Original bezahlt sie das am Ende mit ihrem eigenen Tod, doch so negativ endet der Abend in Krefeld nicht. In einem Schlussbild, das wieder wie der Beginn hinter einem durchsichtigen Vorhang zu sehen ist, bahnt sich als Utopie eine Versöhnung der verfeindeten Familien an. Damit weicht die Regie auch vom Shakespeare-Vorbild ab, zitiert aber mit dem Bild des Vaters, der seine tote Tochter im Arm hält, eine berühmte Szene.

Musikalisch und darstellerisch spielt sich in den zweieinhalb Stunden ein packendes Drama ab. (…) Entsprechend begeistert reagierte das Publikum mit viel Applaus und Bravorufen.

 

(Westdeutsche Zeitung / über die Premiere der Produktion am Theater Krefeld 2019)

 

 

Krieg in der Familie 

Roman Hovenbitzer erzählt Verdis Oper als Psychogramm einer Familie. Ein spannender Ansatz, der durch die großartigen Akteure bestens getragen wird.  Auch musikalisch ist der Abend ein Ereignis. Das Publikum applaudierte lange.

 

Am Anfang steht eine Beerdigung: Eine große Familie lässt in tiefer Trauer einen Sarg ins Grab. Doch der Schmerz ist nur ein dünnes Band. Schon beim Leichenschmaus zerreißt es: Die Familie spaltet sich in zwei Clans, die voll aufgestauter Wut aufeinander losgehen. Der Riss durch die Gemeinschaft spiegelt sich in einem überdimensionalen Riss im Bühnenbild: So symbolträchtig beginnt Roman Hovenbitzers Inszenierung von „Nabucco“. Die Familie ist die Keimzelle für den Krieg. Und für die Hoffnung: In einer Art doppeltem Schluss werden die Gefangenen am Ende von Gewehrsalven getötet, um hinter einem Gaze-Vorhang wieder aufzustehen und Frieden zu schließen. Das Premierenpublikum applaudierte sieben Minuten lang.

Hovenbitzer, der am Gemeinschaftstheater bereits Brittens „Peter Grimes“ gemeinsam mit Roy Spahn (Bühne) und Magali Gerberon (Kostüme) als emotional packendes Drama inszeniert hat, holt Verdis Oper aus dem Glaubenskrieg im fernen Babylon des fünften vorchristlichen Jahrhunderts auf eine Ebene, die ihm aus heutiger Sicht nachvollziehbarer erscheint. Er erzählt sie vor allem als Familientragödie. Und dazu holt er sich Anleihen bei Shakesperaes Königsdrama „Lear“. „Welch böser Zwist wurde hier gesät“ spricht die Stimme Nabuccos aus dem Off. Drei Teile werden mit Drama-Texten eingeläutet und fügen sich wunderbar ein. Die Babylonier und die Hebräer sind einander spinnefeind. Aber auch bei Nabucco und seinen Töchtern ist Zorn und Hass ein unermesslicher Kraftquell: Die eine Tochter, Abigaille, liebt Ismaele, der zum verfeindeten Clan gehört und noch dazu nicht sie sondern ihre Schwester Fenena liebt, die wiederum als Geisel in den Händen der Feinde ist. Später wird sich herausstellen, dass Abigaille als Sklaventochter nicht die rechtmäßige Erbin des Thrones ist – was sie nicht hindert, ihn zu beanspruchen. Nabucco wird größenwahnsinnig und später wahnsinnig werden – Stoff für eine Seifenoper mit den schillerndsten Blasen.

Der Kniff steht und fällt mit dem Ensemble. Und da hat Hovenbitzer beste Voraussetzungen gefunden. Die Bühne als stets wandelbarer sakralartiger Bau lässt viele Bilder zu. Beim Gefangenenchor erinnert sie an Flüchtlingslager. Oder Todeslager.

 

(Rheinische Post / über die Premiere der Produktion am Theater Krefeld 2019) 

 

mobil: 0173/2901840

mail: romanhovenbitzer@gmail.com