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Wenn Kunst auf Wirklichkeit trifft

Botticellis Venus hätte auch heute Macht: Das Theater Erfurt belebt erfolgreich Leoncavallos Renaissance-Oper "I Medici"

(...) Roman Hovenbitzers niveauvolle Inszenierung bietet in der bildersatten Ausstattung von Roy Spahn eine dreifach verschachtelte Perspektive: Belebt doch Erfurt ein gut hundert Jahre altes Werk, das seinerseits eine rund vier Jahrhunderte zurückliegende Epoche auferstehen lässt, die ihrerseits beanspruchte, Wiedergeburt der noch älteren griechisch-römischen Antike zu sein. Ein gewaltiger Zeiten-Spagat, den Hovenbitzer und Spahn durch einen Kunst-Griff virtuos überbrücken: Sie beleben Botticellis antikisierende Gemälde zu Tableaux vivants und lassen die historischen Personen mit ihren Renaissance-Bildern verschmelzen, etwa wenn die hauchzarte Simonetta (Ilia Papandreou) zum Festgelage einer glitzerkitschigen Muschel entsteigt. Alles ist Kunst am Hofe der Medici, doch kaschiert sie die politische Realität, wird sie zum Machtinstrument; ein auch aktuelles Problem. (...)

(FAZ)

 

Wie aber soll man dieses kolossale Historiengemälde in Szene setzen? Roman Hovenbitzer und sein Ausstatter Roy Spahn haben den Weg der ästhetischen Brechung gewählt: Gegenwart spiegelt sich im Vergangenen. Kein Blick auf ein verstaubtes Opernmuseum in der Tradition der Grand Opéra also, sondern vielmehr auf meisterlich kaschierte, frei platzierte Bilder und Gegenstände, die man natürlich alle schon kennt und am authentischsten vielleicht in den Florentiner Uffizien gesehen hat. Der visuelle Sättigungsgrad wird noch gesteigert durch riesige Dias und Filmeinblendungen. Die Figuren, die aussehen als seien sie gerade den Bildern Botticellis entstiegen, ziehen den Glanz der Renaissance wie eine Schleppe hinter sich her. Wunderbar mitzuverfolgen, wie sich das kleine Corps de ballett der berühmten Venusschale aus Botticellis »Geburt der Venus« beim großen Volksfest und Künstlerwettstreit im 2. Akt als Tanzfläche bemächtigt. Oder wie sich eine gewaltige Podesterie, bestückt mit Heiligen, Kirchenfürsten und Madonnen, nach vorne dreht, als grandiose Folie für das Finale, in der das Attentat letztlich erfolglos vollzogen wird. Das zeigt die enorme Leistungsfähigkeit eines Theaters, das sich nicht geniert, wenn es auch mal in die Vollen geht. Das Auge wurde also vorbildlich bedient. (...) Zu einem der Höhepunkte geriet das szenische Geschehen im dritten Akt, wo drei Schauplätze simultan zu bespielen sind, in dieser Setzung ein einzigartiger Kunstgriff. Er gipfelte in einem schier atemberaubenden tumultuösen Septett.

(Das Opernglas)

 

I MEDICI - ein bühnenwirksames, hochemotionales und blutrünstiges Renaissance-Gemälde von Ruggero Leoncavallo. 

Erfurt hat nun dieses Stück als erstes Opernhaus nach mehr als einhundert Jahren wieder herausgebracht. 

Roman Hovenbitzer hat eine grandiose Renaissance-Show kreiert, die sich zwischen den Bildwelten Sandro Botticellis und Grand Opera bewegt, zwischen Tingeltangel und Simultanszenen in goldenen Baugerüsten. Im Mittelpunkt steht das berühmte Gemälde „Il primavera“ („Der Frühling“) und „Die Geburt der Venus“, die auf einer Art mobilen Revuebühne auf der Bühne sogar nachgestellt wird samt großer Auftrittsmuschel und Tänzerinnen. Auch Engel treten auf und natürlich die Geistlichkeit im großen Ornat, fast eine Art Vatikan-Show a la Fellini. Die Inszenierung lebt ganz aus dem Theatralischen, sie lebt von starken optischen Reizen, von Farbe, Form und Phantasie, ein Spektakel, das von Moderne und Jugendstil aus die Renaissance auf der Bühne reanimiert. „Le temps revient“ steht in großen Lettern über der Drehbühne, „die goldene Zeit kehrt wieder“. Das ist der heimliche Titel, den Botticelli seinem Gemälde von der Geburt der Venus gab, und das ist zugleich das Motto der Inszenierung. Sie spielt gekonnt mit allen theatralischen Mitteln, äußerst unterhaltsam und ohne alle umständliche intellektuelle Gedankenanstrengung. Und das diese bunte, turbulente Inszenierung dem Premierenpublikum so überaus gefiel, das spricht für sie, das spricht für das Regieteam und es spricht für den Erfurter Intendanten, der wieder einmal den richtigen Riecher hatte, ein vergessenes Stück auszugraben, das dem Publikum gefällt und das, erstaunlich für ein nahezu unbekanntes Stück, sogar für ein ausverkauftes Haus sorgte. (...) Das hat großes Format, das ist anspringend und befeuert das Publikum, das mit Applaus und Begeisterungsäußerungen nicht zurückhielt. Wirklich eine sehens- und hörenswerte und unterhaltsame Opernausgrabung, ein sinnenfroher Erfolg.

(MDR FIGARO)

 

Wunderbare Renaissance 

(...) Roman Hovenbitzer, der Regisseur, entwickelt zusammen mit seinem Ausstatter und Bühnenbildner Roy Span ein prächtiges Renaissance-Gemälde. Hovenbitzer erfindet für jeden der vier Akte ein eigenes Leitbild samt Volksfeststimmung und großer Messe. Mit seiner Inszenierung will der Regisseur viele Seiten aufzeigen, denn er schätzt an Leoncavallos Oper gerade jene Dinge, die es dem Theatermann schwer machen. Dazu zählt eine gewisse Zitathaftigkeit, denn Ruggero Leoncavallo war ein philosophisch gebildeter Mann, der sich in seinen Libretti um historische Authentizität bemüht. Opulenz ist nicht nur historisch zu verstehen, denn die Renaissance war ja auch eine Rückbesinnung auf die Antike, eine Adaption, genau wie Botticellis berühmtes Venus-Gemälde, das heute unendlich vielfältig vermarktet wird. Die Medici fördern die Künste und plündern die Staatskasse, auch das ist ein Leitmotiv der Erfurter Inszenierung. Hovenbitzers Zugriff auf Leoncavallos Oper ist geprägt von historischen Kunst-Bildern. 

Mit "I Medici" versetzt Bühnenbildner Span das Florenz der Renaissance in eine Baustellenatmosphäre. Trotz allem strahlt die Bühne den Nimbus der Kunst im Umfeld eines Botticelli aus. Auf einer Ebene findet sich der Ort der Verschwörer mit der Ponte Vecchio, auf einer anderen Ebene der Ort der Untreue. Die todgeweihte Simonetta versucht vergeblich, Guliano noch zu warnen, obwohl dieser sein Herz inzwischen deren Freundin Fioretta schenkt. Die drei Ebenen sind in Verbindung wie in einem Setzkasten; gleichzeitig kann der Zuschauer sie sehen. Diese Gleichzeitigkeit erzeugt auch dramaturgisch eine ungeheure Spannung. 

Ähnlich dem Hitchcockschen Suspense-Effekt, der auf dem Konzept der Vorhersehbarkeit basiert, lässt Hovenbitzer die Zuschauer mitfiebern und mitzittern. Der zweite Akt lockert die Handlung mit Lokalkolorit auf, Gaukler, Feuerspucker und Tänzer veranstalten ein Spektakel. Diesem prallen Gesamtbild entsprechen die aufwändigen Roben, (...) eine extravagante Mischung aus Historie und Moderne. Die Medici glauben sich in die Nähe göttlicher Macht gerückt und so benutzen sie die Kunst, um ihre Macht zu legitimieren. Brot und Spiele, Volksbelustigungen sollen von den wahren Zielen ablenken. Eine absichtsvoll verkitschte Darstellung der Venus von Botticelli verwendet Spahn als Beispiel, und wer schon italienisches Fernsehen aus dem Haus Berlusconi gesehen hat, der fühlt sich erinnert an rosig-blonden Tele-Kitsch. Die Verheutigung ist von Hovenbitzer gewollt, auch wenn er nicht vordergründig mit dem Finger zeigen will. Die Geburt der Venus wird nachgestellt als riesiger Partygag-Karton mit Schleifchen und einer Tabledance-Nummer, und dazwischen sonnt sich Lorenzo de Medici. (...) 

Die facettenreiche Gestaltung der Hinterlist und Machtgier korrespondiert mit dem Machtplan Lorenzos, des Prächtigen, der billigend in Kauf nimmt, dass das Leben seines Bruders in Gefahr ist. Er lässt sich von seinem Hausdichter Poliziano, die kugelsichere Weste anlegen und amüsiert sich ob der Verschwörerpläne. Nach der Bluttat ist für das Publikum auch das Blut seines Bruders an seiner Weste sichtbar, wenn er die Medici-Ahnen beschwört und seinen Anspruch auf den imaginären Thron erneuert. Jetzt sieht es schlecht aus für die Attentäter, denn Lorenzo ist ein wirkmächtiger Demagoge, der den Volkszorn dirigieren kann. 

"I Medici" ist eine echte Entdeckung, der man einen Stammplatz im Repertoire anderer Häuser gönnen würde. Die Erfurter Inszenierung öffnet die Augen dafür, wie unendlich vielfältig italienische Oper am Ende des 19. Jahrhunderts sein kann. 

Vom Erfurter Publikum gibt es dafür lang anhaltenden Applaus und viele bravi. 

(Opernnetz)

 

The ever-enterprising Theater Erfurt presented what, incredibly, was the first staging in more than 100 years of Leoncavallo´s I MEDICI. (...) Roman Hovenbitzer´s production mixed imagery from across the centuries, with Lorenzo il Magnifico seemingly an adherent of the Aetheticism that was en vogue at the time of the opera´s premiere; he spends his time writing poetry and enacting Botticelli paintings as tableaux vivants (charmingly realized in Roy Spahn´s sets). Pazzi and his accomplices are leather-clad Mafiosi. Unlike his brother, Lorenzo survives their attempt on his life thanks to a bullet-proof waistcoat. The multi-layered third act was impressive arranged to show simultaneously the dwellings of Simonetta, Fioretta and the villainous Montesecco.

(Opera UK)

 

Das Theater Erfurt bot mit der opulenten Inszenierung von Leoncavallos Oper "I Medici" durch Roman Hovenbitzer dem Publikum einen Ohren- und Augenschmaus 

Wie schon in den letzten Jahren wartet das Theater Erfurt auch heuer wieder mit einer tollen Opernausgrabung auf: "I Medici" von Ruggero Leoncavallo, die 1893 in Mailand uraufgeführt wurde. Die Erfurter Produktion ist die erste szenische Aufführung nach mehr als einem Jahrhundert. (...) Roman Hovenbitzer, der bereits mehrfach mit guter Regiearbeit aufgefallen ist, inszenierte das Werk mit exzellenter Personenführung als große Oper. In Zusammenarbeit mit dem Ausstatter Roy Spahn wurde das goldene Zeitalter der Bildenden Kunst opulent eingebunden. (...) Die einzelnen Bühnenbilder waren stets mit Werken von Botticelli geschmückt, was gemeinsam mit den teils prunkvollen Kostümen für das historische Ambiente der Ära Medici sorgte (Film: Karl Heinz Stenz). Darüber hinaus gelang es dem Regisseur, insbesondere in der Attentatsszene im Dom, den Prunk und Kitsch der katholischen Kirche einzufangen. (...) Das zuerst eher zurückhaltende Publikum spendete am Schluss reichhaltig Beifall. 

(Der neue Merker)

 

Ruggero Leoncavallo kennt man heute nur noch als Komponisten von "Der Bajazzo". Dass der Italiener noch mehr drauf hat, kann man jetzt am Theater Erfurt erleben: Dort wurde "I Medici" nach über 100 Jahren der szenischen Vergessenheit entrissen. Roman Hovenbitzer hat eine Inszenierung erarbeitet, die zeigt, dass sich die Wiederentdeckung dieser Oper lohnt. (...) Regisseur Roman Hovenbitzer und seinem Ausstatter Roy Spahn gelingt ein dezenter aber schlüssiger Transfer in die Gegenwart. Die Medici-Brüder sind zwei Diktatoren, die das Volk mit Volksfesten und Kunst über ihre politischen Absichten hinwegtäuschen. Tatsächlich scheinen sich die Medici-Brüder oft mehr für die Kultur als für die Politik zu interessieren, denn Roy Spahn lässt die Bühne immer wieder von Botticelli-Gemälden dominieren und setzt diese dramaturgisch klug ein. (...) "I Medici" sind eine lohnende Ausgrabung mit effektvoller und stilsicherer Opernmusik. Die von Roman Hovenbitzer inszenierte Aufführung ist dazu auch optisch sehenswert. 

(Der Opernfreund)

 

Mit der aktuellen "Ausgrabung" hat das Theater Erfurt wieder mal ein Glanzlicht in der Spielzeit gesetzt. Schließlich ist diese Inszenierung der Historienoper "I Medici" die erste szenische Aufführung nach mehr als einem Jahrhundert. (...) 

Insgesamt ein zwar ungewöhnlicher, aber effektvoller Beitrag zum Wagner-Jahr. Mal aus völlig anderem Blickwinkel gesehen.

(t.akt-magazin Erfurt)

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