Lohengrin
Richard Wagner
Opernfestspiele Savonlinna / Finnland 2011
Musikalische Leitung: Philippe Auguin
Bühne: Hermann Feuchter
Kostüme: Hank Irwin Kittel
Film: Andreas J. Etter
Licht: Wolfgang Göbbel
Choreographische Mitarbeit: Janne Geest
Bei den Opernfestspielen Savonlinna wird "Lohengrin" als eine politische Allegorie präsentiert, die im heutigen Deutschland beheimatet ist. Der mittelalterliche Schwanenritter entwickelt sich zum charismatisch-visionären Künstler-Politiker und Showmaster, der seine eigene Schwanenpartei gründet und das Volk verführt und verzaubert. (...)
Die Aufführung ist so etwas wie ein Rollenspiel, in dem heutige Menschen sich zurückbewegen in ein mythisches und religiöses Mittelalter. (...)
Dem deutschen Regisseur Roman Hovenbitzer glückt es mit seiner intelligenten und vielschichtigen Modernisierung, die vierstündige Geschichte so dramatisch und eindringlich zu erzählen, dass die Spannung bis zum Schluss nicht einen Moment abreißt. In seiner Interpretation zeigt sich unter der glatten Oberfläche unserer vordergründig-rationalen Moderne eine magisch-religiöse mittelalterliche Weltanschauung: Wagners Märchenoper wird so zum politischen Spiegelbild unserer Zeit.
(Helsingin Sanomat)
Die Inszenierung war ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie eine starke Stück-Vision eine zeitgemäße Interpretation hervorbringen kann und dabei doch auch manche Motive der ursprünglichen Märchenvorlage zu ihrem Recht kommen lässt.
Roman Hovenbitzer verortet den Beginn und das Ende seines "Lohengrins" in der mittelalterlichen Legende und einer unschuldigen Kinderwelt, wenn Elsa und ihr jüngerer Bruder Gottfried an einem See mit einem Schwan spielen. Doch schon bald eröffnen intelligente Erzähltechniken verschiedene weitere Dimensionen. Das Herzogtum von Brabant befindet sich nach dem Tod des letzten Herrschers in einem gefährlichen politischen Vakuum. Elsa von Brabant wird beschuldigt, ihren Bruder ermordet zu haben. Der Gralsritter Lohengrin erscheint als ein moderner Engel, als ein deus ex machina, der von einer leichtgläubigen Gesellschaft bereitwillig aufgenommen wird. Der neue Führer etabliert sogleich eine große Parteien-Maschinerie samt Schwan als politischem Symbol. Und schon bald hat er dem Volk gelehrt, den Schwan als neues Siegeszeichen zu tragen – "in hoc signo vinces". Die Gesellschaft kleidet und verhält sich nach und nach militärisch, dabei zeitlich rückwärts und vorwärts in der Bildsprache ausgerichtet.
Die Inszenierung zeigt die bedrohliche Bedeutung des politischen Blendwerks auf, die unhinterfragbare Leere der neuen Ideologien sowie die für solche Manipulationen anfällige Gesellschaft. Die Verweise auf den Nationalsozialismus sind klar, aber zum Glück nicht ausschließlich: Angespielt wird eher auf eine (mittel-)europäische Parteipolitik im Allgemeinen.
Auf einer anderen, persönlichen Ebene beleuchtet die Regie Wagners Gedanken über die Rolle des Künstlers in der Gesellschaft – was natürlich die eigene Rolle und Bedeutung des Komponisten meint, die zu hinterfragen niemandem erlaubt war. Auch hier wechselt das Volk mit fliegenden Fahnen blind zu einer neuen Ästhetik und akzeptiert Lohengrins Forderungen bedingungslos. Religion, Kunst und Propaganda werden benutzt, um ein System mit totalitaristischen Wesenszügen zu verbergen.
Elsa, die Frau an Lohengrins Seite, sehnt sich nach Liebe, die nicht im Utopischen beheimatet ist. Das Brautgemach gerät für sie so zu einer massiven Enttäuschung: Lohengrin hat eine romantisch-fleischlose Künstlervision von seiner Braut, während Elsa einen Geliebten sucht. Sie stellt die verbotene, aber letztlich berechtigte Frage - und das ganze Kartenhaus bricht abrupt in sich zusammen.
Wagners exquisite, aber auf der Bühne oftmals als langwierig empfundenen zeitlichen Dimensionen werden von der Inszenierung mit raffinierten und subtilen theatralischen Inhalten gefüllt. Manche Gedanken erschließen sich dem Zuschauer unmittelbar, andere erst nach und nach im weiteren Verlauf der Handlung. Die Szene nutzt die Möglichkeiten der Olafburg in Savonlinna maximal, die Kostüme sind phantasievoll und ansprechend, die Beleuchtung beeindruckend.
Wagner sollte stets in seiner psychologischen Mehrschichtigkeit interpretiert werden. In diesem Sinn hat die zeitgemäße Regie den geistigen Gehalt des Werkes vollauf respektiert und ausgeleuchtet. Der Geist des Schöpfers ist immer spürbar – und im Gegensatz zu mancher selbstgefälligen Neudeutung des deutschen Regietheaters habe ich diese Allegorie als reichhaltig und wesentlich lohnender empfunden. Dank der elektrisierenden Bühnensprache wurden die viereinhalb Wagnerstunden nicht im Mindesten lang.
(HBL-Hufvudstadsbladet Sweden)
„Lohengrin“, die neue Eigenproduktion der Festspiele, wirkte geradezu elektrisierend. Hier stimmte alles: Das schlichte Bühnenbild, beherrscht von einem gigantischen Kreuz, mit Speeren, Schwertern und Schilden bespickt, das auch mal als Galgen dienen konnte, eine geschickte Lichtregie und vor allem die von Regisseur Roman Hovenbitzer virtuos gestalteten Massenszenen und Ensembles.
(Deutschlandfunk / Musikjournal)
Dieser "Lohengrin" macht sich ausgezeichnet in der Burg von Savonlinna.
Regisseur Roman Hovenbitzer hat das Stück mutig modernisiert und ins heutige Deutschland verlegt. Lohengrin ist kein mittelalterlicher Schwanenritter sondern ein moderner Politiker. (...)
Oftmals kann die Mixtur aus Moderne und Tradition auf der Opernbühne verwirrend sein. Bei Hovenbitzer funktioniert sie jedoch glücklich und seine intensive Deutung trägt den Zuschauer mühelos durch den fast fünfstündigen Abend. Der diesjährige "Lohengrin" ist eindrucksvoll und berührend, die szenische Modernisierung erfolgreich und fesselnd gelungen.
(Ilkka)
Premiere in Savonlinna: Ein kraftvoll pulsierender "Lohengrin"
(Kouvolan Sanomat / Etelä-Saimaa)
Savonlinnas neuer "Lohengrin" lohnt den Besuch: Diese Festspielproduktion ist eine der eindrucksvollsten der letzten Jahre. (...)
Es ist ein großes Erlebnis. Wagners mächtige Musik und die dramatische Regie verleihen der Zeit Flügel und die Oper vergeht wie im Nu. Wie ein spannender Krimi. Das Publikum bei der Premiere ist überwältigt.
(Itä-Savo)
Unwiderstehlicher Lohengrin - Roman Hovenbitzers Inszenierung ist eine intensive Erfahrung
Er modernisiert Richard Wagners "Lohengrin" angemessen und elegant. Der Regie gelingt es, neue Denkanstöße zu geben und über die gesamte Spieldauer von vier Stunden die szenische Spannung zu halten. (...)
Insgesamt ist Savonlinnas „Lohengrin“ ein unwiderstehliches Erlebnis, sowohl musikalisch als auch szenisch faszinierend und fesselnd. Man sollte das unbedingt erlebt haben.
(Savon Sanomat)


